Anwaltsvertretung im Mediationsverfahren

Die Parteien können auch in einem Mediationsverfahren anwaltlich vertreten sein. Ob und inwieweit eine Anwaltsvertretung notwendig ist, hängt vom konkreten Einzelfall und seiner Bedürfnisse bzw. anwaltlicher Vorbefassung ab.

Die Unterschiede von anwaltlicher Vertretung in der Mediation und im Gerichtsverfahren können bildlich wie folgt ausgedrückt werden:

  • Mediation
    • Der Anwalt steht hinter dem Klienten
  • Gerichtsverfahren
    • Der Anwalt ist der vor dem Klienten stehende Vertreter.

Ein auf Positionen beharrender und dadurch den Konflikt verschärfender Prozessanwalt ist im Mediationsverfahren meist kontraproduktiv. Gefragt ist ein Beratungsanwalt. Gefordert sind vielmehr interessen- und zukunftsorientierte, kreative Lösungsvorschläge, die nicht nur zur Zufriedenheit des eigenen Klienten, sondern aller am Konflikt beteiligten Parteien führen sollen.

Die Funktion des Beratungsanwalts die Begleitung mit Rechtsinformation und Rat:

  • Konfliktherrschaft und Recht
    • Auch bei anwaltlicher Begleitung sollte die Herrschaft über Konflikt und Lösung beim Klienten verbleiben
    • Der Klient ruft während der Verhandlungen beim Anwalt einzig, aber immerhin, die Rechtsinformationen und den Rat ab
  • Lösungsvorschlag und Recht
    • Dem Klienten müssen, bevor er einen Lösungsvorschlag entwickeln und in den Gesprächsprozess einbringen kann, die rechtlichen Implikationen und die sich stellenden Rechtsfragen bekannt sein; eine solche Informiertheit ist unverzichtbarer Bestandteil des Lösungswegs
    • Je komplexer die Sachzusammenhänge sind, desto grösser die Herausforderung an den beratenden Rechtsanwalt
  • Recht und Gerechtigkeit
    • Beratene und begleitete Kunden sollten vom Anwalt auch in die Materie der Mediation eingeführt werden
    • Recht und Gerechtigkeit sind Ordnungsparameter, die generell gelten und auch für die Erfüllung einer Vergleichsvereinbarung von Bedeutung sind
    • In Mediationsverfahren wird immer wieder die Frage gestellt, wie das Gericht entscheiden würde
      • Massgeblichkeit der Frage einzig für den Entscheid, ob das Gericht angerufen werden soll
      • Bei der Mediation geht es aber um tragbare, nachhaltige Lösungen, die oft eher von Werten und Wertvorstellen beeinflusst sind
    • Der Anwalt sollte den Klienten auf rechtliche Aspekte aufmerksam machen und intern sicherstellen, dass nur eine praktisch und rechtlich vollziehbare Vergleichsvereinbarung getroffen wird
  • Verhandlungsdynamik
    • Anwaltsteilnahme als sog. Sounding Board: Er sollte zuhören, zusehen und wahrnehmen wie das Gespräch verläuft und das Gespräch von der Gegenpartei empfunden wird; auch ein Schweigen des eigenen Anwalts kann Signalwirkung haben
    • Gute Vorbereitung und lückenlose Sachkenntnis (Wissensbestand) geben Sicherheit und Stärke, um dynamische Gespräche führen zu können, die sich nicht auf Sachverhaltsdiskussionen beschränken
    • Ebenso wichtig wie die Sitzungsbegleitungen sind die Nachbesprechungen des Anwalts mit seinem Klienten
    • Der Anwalt sollte gleichsam Motivator und Unterstützer sein.

Literatur

  • HILBER URS, Wie Mediationskompetenz in die Führung fliesst – Mediation ist eine Technik zur Schlichtung von Konflikten in unterschiedlichen Systemen. Sie kann aber auch Haltung verstanden und im Führungsalltag eingesetzt werden, in: io new management Nr. 10 / 2008, S. 54 ff.
  • ROTH MONIKA, Der Anwalt als Berater oder Begleiter seines Klienten in einer Mediation – Chance oder Bedrohung?, in: AnwaltsRevue, 2/2004, S. 39 ff.

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